Das Auge als Pforte zur Seele

– Psychosomatische Erkrankungen in der Augenheilkunde

Das Zusammenspiel zwischen Körper und Seele ist seit langem bekannt, findet aber im konkreten Krankheitsfall selten praktische Bedeutung.

Inzwischen sind die neurobiologischen Zusammenhänge immer besser untersucht worden und haben in der Medizin in der Fachrichtung „Psychosomatik“ ihren Platz gefunden. Hier wurde die Schnittstelle, zwischen seelischen Belastungen und den damit einhergehenden körperlichen Symptomen geschaffen. So kann im speziellen Krankheitsfall dieses Wissen um die Zusammenhänge konkret genutzt werden. Laut einer Prognose der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden depressive Störungen bereits im Jahr 2020 an erster Stelle jener Krankheiten stehen, welche für eine vorzeitige Sterblichkeit oder Behinderung verantwortlich sind. Im Bundes-Gesundheitssurvey 2004 steht, dass im Lauf eines Jahres jeder 3. Erwachsene an einer psychischen Störung erkrankt.

20 % der Hausarztbesuche finden aufgrund einer psychischen Störung statt, weitere 20 % sind somatoforme Störungen, das bedeutet, körperliche Beschwerden werden wahrgenommen, ohne dass hierfür ausreichende organische Ursachen festgestellt werden können. Im Durchschnitt vergehen 5,5 Jahre bis ein Patient mit somatoformer Störung in eine spezialisierte Klinik eingewiesen wird.

Im rein somatisch orientierten Fach wie der Augenheilkunde werden die Forschungsergebnisse aus der Psychosomatik in der „Psychosomatischen Grundversorgung“ umgesetzt. Dabei findet bei der Erhebung der Krankengeschichte zusätzlich eine über das Organ hinausgehende Befragung des Patienten statt. Es ist wichtig, das psychosoziale Umfeld des Patienten und die aktuellen Lebensumstände mit zu berücksichtigen, um Zusammenhänge zu erkennen und bei der Therapie umsetzen zu können. Natürlich gilt es, sowohl die Erkrankung des Organs zu behandeln, als auch die Lebensgewohnheiten, die diese Erkrankung begünstigen, zu erkennen und zu ändern.

– Psychosomatische Erkrankungen in der Augenheilkunde – Retinitis centralis seroa

Eine Erkrankungen, bei der eindeutig die seelische Belastungen körperliche Auswirkungen hat ist die Retinitis centralis serosa (RCS), eine Erkrankung der Netzhaut, wodurch akut eine schlechtere Sehschärfe entsteht.

Bei der RCS bewirkt, unter anderem, emotionaler Stress erhöhte Cortisonspiegelwerte im Blut. Diese entstehen über ein Zusammenspiel der im Gehirn gebildeten Hormone und der Nebennierenrinde, dem Organ, dass für das Cortison in unserem Körper verantwortlich ist. Diese gut untersuchte Auswirkung zwischen seelischer Belastung und nachweisbar veränderten Blutwerten spielt sich zwischen Hypothalamus, Hypophyse und Nebennierenrinde ab. Sie wird insgesamt als „Stressachse“ bezeichnet.

Es entsteht eine Durchlässigkeit einer bestimmten Netzhautschicht, sodass sich unter den Sehzellen Flüssigkeit ansammeln kann. Dadurch ist vor allem das zentrale Sehen betroffen: die Sicht wird als verschwommen oder einfach nur als schlechter wahrgenommen. Hier kann in der akuten Phase eine Reduktion der Arbeit oder auch ein Kurzurlaub hilfreich sein, um die Heilung zu unterstützen. Tritt dieses Krankheitsbild immer wieder auf, sollte auch die Lebensführung insgesamt im Sinne einer ausgeglichenen work-life-balance kritisch hinterfragt werden. Bei Chronifizierung dieser Erkrankung wird eine psychotherapeutische Unterstützung empfohlen und von den Krankenkassen gefördert.

– Psychosomatische Erkrankungen in der Augenheilkunde – Trockenes Auge

Eine weitere ganz typische Erkrankung ist das Trockene Auge. Eine Trockenheit der Augen ist in unserer Gesellschaft inzwischen weit verbreitet. Diese geht mit unangenehmen Symptomen wie Brennen, Jucken, Tränen, Fremdkörpergefühl oder auch Druck hinter dem Auge einher. Bei Bildschirmarbeiten entsteht der Eindruck, nicht mehr auf den Bildschirm sehen zu können. In den meisten Fällen findet der Augenarzt bei der Untersuchung keinen relevanten organisch krankhaften Befund, dennoch sind die subjektiven Beschwerden für den Betroffenen so belastend, dass er oftmals als Notfallpatient den Augenarzt aufsucht.

Die meisten Arbeitsplätze beinhalten zum großen Teil PC-Arbeit. Bei dieser Art der konzentrierten Arbeit wird nachweislich der Blinzelreflex unterdrückt, was die stete Befeuchtung des Auges verhindert. Dadurch trocknet das Auge kurzzeitig aus und es kommt zu den oben genannten Symptomen. Dass PC-Arbeit für das Organ „Auge“ schädlich ist, kann hier getrost verneint werden.

Die Symptomatik des Trockenen Auges ohne Organbefund sollte daher auch als erstes Anzeichen von Überarbeitung gewertet werden. Hier ist oft schon die Aussage des Betroffenen wegweisend, wenn er davon spricht, vor allem abends, die Arbeit nicht mehr sehen zu können.

Das regelmäßige Trinken von Wasser, ein bewußtes schließen der Augen oder auch ein Blick aus dem Fenster, sind für die Befeuchtung der Augen hilfreich und entspannen gleichzeitig. Wichtig wäre zusätzlich, gezielt nach einer aktiven Entspannung, z. B. in Form von Sport, zu suchen, um einen Ausgleich zur beruflichen Anspannung zu gewährleisten. Im Akutfall helfen die sog. „Tränenersatzmittel“ die Trockenheit des Auges zu beseitigen. Entscheidend ist, die ersten Symptome von seelischem Stress oder Überarbeitung wahrzunehmen und gezielt aktiv gegenzusteuern.

Das Auge als „Eintrittspforte“ zum Körper sollte hier in seinem Frühwarnsystem ernst genommen werden bevor schwerwiegendere Stresssymptome im Bereich großer Organsysteme auftreten, wie z. B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Magen-Darm-Störungen.